Archiv für den Autor: Rose & Dmowska

Verfahrensverzögerung durch Übersetzer

Als Dolmetscher und Übersetzer vor Gericht sollte man ein extrem hohes Maß an Genauigkeit und Aufmerksamkeit in der Arbeit mitbringen. Die Folgen davon, wenn ein Übersetzer nicht gründlich arbeitet, zeigten sich am Montag beim Großverfahren am Landgericht Essen wegen eines versuchten Ehrenmordes. Dieser ist aufgrund der hohen Zahl der Beteiligten generell schon unübersichtlich. Mehr als 70 Menschen sind im Saal: 13 Angeklagte, davon einige mit mehreren Verteidigern und jeder mit einem Dolmetscher, Staatsanwälte, Nebenklage-Vertreter, Richter, Schöffen, Schriftführer, Simultan-Übersetzer und Personenschützer. Zuletzt gab es Irritationen bei der Übersetzung der Anklageschrift.

Daraus wurde beim dritten Prozesstag am Montag nun folgenschwere Situation: Nachdem Dolmetscher Kanho Kanho Fehler in der Übersetzung eingeräumt hatte, musste diese noch einmal korrigiert und in Teilen neu übersetzt werden, wonach sie den Angeklagten erneut übergeben wurde. Nun haben sie nochmals eine Woche Zeit, um die neue Übersetzung auf weitere Fehler zu prüfen.

Bevor der dritte Prozesstag nach gerade einmal rund einer Stunde wieder beendet wurde, sorgte Rechtsanwalt Markus Kluck noch für einen Paukenschlag. Der Verteidiger des Angeklagten Houssein M. (27) beantragte, dass Dolmetscher Kanho Kanho und alle anderen Angestellten des Essener Übersetzer-Büros ProAccenta vom Prozess ausgeschlossen werden. Diese Prozessverzögerung hätte im Sinne einer beschleunigten Justiz und Verfahrensökonomie nur zu leicht verhindert werden können.

Großes Übersetzer-Treffen in Schramberg

Die beiden Gründer des Unternehmens Getranet (German Translation Network) Walter und Arno Ruesch aus Freiburg im vergangenen Herbst die Übersetzungsagentur RKT übernommen. An diesem Wochenende haben die Mitarbeitern der fünf Getranet-Standorte in Schramberg gemeinsam getagt. Dank RKT beschäftige Getranet auch Inhouse-Übersetzer, wobei mittlerweile arbeiten bei Getranet an die 50 Festangestellte und etwa 350 freiberufliche Übersetzer. Dadurch entstünden sehr viele Synergien und Getranet könne sehr viele Sprachen und Fachwissen anbieten. Bei einem Empfang am Samstagmittag betonte Arno Ruesch, dass der Standort Schramberg ein wichtiger Posten der Firma sei. Walter Ruesch dankte RKT-Gründer Trost für dessen jahrzehntelange Aufbauarbeit. Oberbürgermeister Thomas Herzog begrüßte das Unternehmen Getranet in Schramberg und stellte die Stadt mit ihren an die 12 000 Arbeitsplätzen vor.

Zuger Übersetzer-Stipendium vergeben

Das mit 50.000 Schweizer Franken dotierte Zuger Übersetzer-Stipendium 2019 geht an Berthold Zilly für die Übersetzung des Romans „Grande Sertão: Veredas“ von João Guimarães Rosa. Die Übersetzung wird bei Hanser erscheinen. Der Anerkennungspreis geht an Christian Hansen. Er war unter anderem Honorarprofessor für Iberoamerikanische Literaturen in Bremen, Akademischer Rat und Lektor für Lateinamerikanistik an der FU Berlin sowie Gastprofessor für Übersetzungsstudien an der Bundesuniversität von Santa Catarina in Brasilien. Für seine Arbeiten wurde er mehrfach ausgezeichnet, zuletzt mit dem Prêmio Blaise Cendrars der Brasilianischen Vereinigung für Vergleichende Literaturwissenschaft und mit seiner Ernennung zum korrespondierenden Mitglied der Brasilianischen Akademie für Literatur in Rio de Janeiro.

Die Preisverleihung findet am 16. Juni 2019 in Zug statt.

Leben als Literaturübersetzer

Was tun, wenn sie sich nunmal dafür entschieden haben, ihr Lieblingsbuch zu übersetzen und einen Vertrag an Land gezogen haben?

Honorare sollten bei jedem Auftrag neu verhandelt werden. Beim literarischen Übersetzen wird nach der „Normseite“ bezahlt. Es gibt seit 1992 den sogenannten Normvertrag, an dem sich Übersetzer und Verlage orientieren sollten. Zum Seitenhonorar sollte noch eine prozentuale Absatzbeteiligung kommen. Davon weichen immer noch zu viele Verlage ab zulasten der Übersetzer. Jeder einzelne Übersetzer ist  gefordert, sich nicht unter Wert zu verkaufen.

Bei hoher Fluktuation in der Verlagslandschaft gehen Kontakte verloren, Lektoren machen sich selbstständig und werden zur „Konkurrenz“, Stammautoren hören auf zu schreiben. Der Zeitdruck wird immer größer. Häufig erscheinen Titel fast gleichzeitig mit dem Original oder nur wenig später, denn oft werden Übersetzungen nach einem unfertigen Manuskript verfasst. Den Austausch mit Kollegen muss man suchen und finden und sich dabei immer gut vernetzen. Ein Gemeinschaftsbüro ist für diejenigen, die besser in einer Gruppe produktiv sind, von Vorteil. Damit kann man Kosten reduzieren und Privatsphäre und berufliches Umfeld trennen. Dort ergänzen sich die Kompetenzen, und gelegentlich ergeben sich neue Kontakte oder Kooperationen. Es fördert außerdem den kreativen Austausch und wirkt der beruflichen Isolation entgegen.