Eine literarische Übersetzung steht immer im Kontext zu der Zeit, in der sie angefertigt wurde und dem Geist dieser Epoche. EIn Beispiel dafür ist die Umbenennung von Dostojewskis „Schuld und Sühne“ 1994 durch eine neue Übersetzung zu „Verbrechen und Strafe“, da diese Übersetzung genauer ist.
Die literarische Herbstsaison hat nun wieder eine Neuigkeit: „Vom Winde verweht“ heißt jetzt „Vom Wind verweht“. Unter diesem Titel erscheint kommenden Januar die neue Übersetzung von Liat Himmelheber und Andreas Nohl. Der Roman „Gone With The Wind“ von Margaret Mitchell erschien im Jahr 1936. Die Autorin verstarb 1949, wodurch nun, 70 Jahre nach ihrem Tod, die Rechte an dem Werk gemeinfrei werden. Darum bringt der Kunstmann-Verlag die Neuausgabe am ersten Werktag 2020 auf den Markt. Die neuen Übersetzer der Neuauflage haben nun festgestellt, dass sich der Ton des amerikanischen Originals von dem der deutschen Erstübersetzung stark unterscheidet. Mitchells sachlicher Stil entspricht dem unsentimentalen Zeitgeist nach dem Ersten Weltkrieg, wohingegen die erste deutsche Version eher neoromantisch geprägt ist. Deswegen soll der neue Roman in einem nüchterneren Ton herausgebracht werden, wozu auch der neue, prosaische Titel zählt. Bei der Neuübersetzung einer Geschichte aus den Dreißigerjahren, die von schwarzen Sklaven und weißen Herrschaften handelt, stellen sich aber auch andere Fragen. Um rassistische Stereotype zu meiden, so die Übersetzer, wird es in der Neuübersetzung keine ‚Neger‘ oder ‚Wulstlippen‘ mehr geben.